STUTTGART – Sie stehen leer, verfallen langsam und erzählen spannende Geschichten: In Baden-Württemberg gibt es zahlreiche Lost Places – stille Zeitzeugen, die voller Geheimnisse stecken. Manche sind zugänglich, andere nur aus der Ferne zu bestaunen, aber alle haben ihren ganz eigenen Zauber.
Geisterhotel an der Schwarzwaldhochstraße: Kurhaus Sand
Aus einer einfachen Schutzhütte unterhalb des Mehliskopfs entsteht Ende des 19. Jahrhunderts das Kurhaus Sand: ein Grandhotel im Schweizerhaus-Stil mit eigenem Skilift, das schnell zum It-Place der Aristokratie wird. Doch auf die glanzvollen Zeiten folgt, wie bei vielen Hotels an der Schwarzwaldhochstraße, der Niedergang. Heute ist das Kurhaus Sand als legal zugänglicher Lost Place bekannt. Trotz des fortschreitenden Verfalls hat das Gebäude nichts von seinem alten Charme verloren und ist in seinem Inneren noch weitgehend originalgetreu erhalten. Der gemeinnützige Verein Kurhaus Sand ermöglicht an Wochenenden gegen ein Eintrittsgeld die Besichtigung. Weitere Informationen zur Historie der Hotels gibt der Verein Kulturerbe Schwarzwaldhochstraße.
sites.google.com/view/kurhaus-sand/startseite;
kulturerbe-schwarzwaldhochstrasse.de Sehnsuchtsorte im Sperrgebiet – Albgut Münsingen und Dorf Gruorn
Vor einigen Jahren rollten noch Panzer durch das ehemalige militärische Sperrgebiet des Truppenübungsplatzes bei Münsingen. Inzwischen liegt hier einer der größten unzerschnittenen Naturräume Baden-Württembergs. Die jahrzehntelange Sperrung hat so manches Kuriosum hinterlassen, wie die Überreste des verlassenen Dorfs Gruorn: Seine Kirche, der Friedhof und das Schulhaus sind nur zu Fuß oder per Rad zu erreichen und erzählen die tragische Geschichte der Dorfbevölkerung. Infotafeln und ein kleines Museum im ehemaligen Schulhaus vermitteln Details zu ihrem Leben und ihrer Vertreibung. Dort kann man auch einkehren – ebenso wie im unweit gelegenen „Alten Lager“. Die einstige Generals- und Truppenunterkunft empfängt ihre Gäste heute als „Albgut“. In viele der historischen Gebäude sind inzwischen Hotels, Gastronomien, Manufakturen und Eventlocations eingezogen. In den entlegeneren Bereichen des weitläufigen Areals scheint die Zeit dagegen noch immer still zu stehen.
gruorn.info;
albgut.deRenaissance-Ruine in Kraichtal: Wasserschloss Menzingen
Das Wasserschloss Menzingen blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück: Im Mittelalter als Tiefburg im gotischen Stil erbaut, wurde sie im Bauernkrieg von den Aufständischen niedergebrannt. Zwischen 1529 und 1539 baute der Ritter Peter von Mentzingen sie als dreistöckige und dreiflügelige Anlage im Stil der Renaissance wieder auf – mit der Hilfe eines begabten jungen Steinmetzes, der an der Zerstörung der Burg beteiligt war. Für seine Begnadigung musste er im Frondienst den Wiederaufbau leiten. Sein Steinmetzzeichen ist überall verewigt. Der Bombenangriff von 1945 machte das Schloss zur Ruine, legte damit aber auch Bauelemente und Mauerteile der mittelalterlichen Burg frei. Die Anlage ist im Privatbesitz und kann nicht betreten werden. Am außerhalb gelegenen Rastplatz gibt es aber eine Infotafel mit freiem Blick.
kraichgau-stromberg.deAlter Adelssitz: Schloss Marienwahl bei Ludwigsburg
Abseits der belebten Straßen der Residenzstadt Ludwigsburg liegen still und verlassen die Überreste von Schloss Marienwahl. Das klassizistische Anwesen wurde um 1824 vom Architekten Ludwig Abel für General Ferdinand von Varnbüler erbaut. Ab 1878 bis zu seiner Krönung 1891 diente es dann Prinz Wilhelm von Württemberg und seiner Familie als Rückzugsort und wurde in den 1880er-Jahren um ein Gestüt erweitert.Zuletzt züchtete die Prinzessin von Württemberg, Pauline Fürstin zu Wied, hier Pferde und ließ sich auch unweit ihrer geliebten Tiere beerdigen. Das Grab und die Ruinen der Stallungen kann man heute noch besuchen und sich von der besonderen Atmosphäre des Lost Place gefangen nehmen lassen.
visit.ludwigsburg.de/start/entdecken/nord.html Kulturdenkmal im Grünen U: Villa Moser Stuttgart
Die imposante Landhausvilla des Schokoladenfabrikanten Eduard Otto Moser wurde in den 1870er-Jahren von Architekt Johann Wendelin Braunwald im Park des Leibfriedschen Gartens erbaut. Ein Luftangriff im Jahr 1944 zerstörte sie dann bis auf ihre Grundmauern. Zur Internationalen Gartenbauausstellung 1993 hauchte man dem Gelände über Kunstinstallationen und die Verbindung mit dem „Grünen U“, das Grünanlagen vom Schlossgarten bis zum Killesbergpark einschließt, neues Leben ein. Die „Kunststation Villa Moser“ des Architekten Hans Dieter Schaal macht die Überreste des Baus im Renaissance-Stil und ihren verwilderten Park durch Laufstege für das Publikum zugänglich. Bei einem Spaziergang kann man sich in der denkmalgeschützten Gartenanlage auf Spurensuche begeben.
villa-moser.deVerwunschene Ruhestätte: Schlossfriedhof Dätzingen
Aus einem ehemaligen Bruderhaus des Johanniterordens entstanden, prägt das Schloss Dätzingen den gleichnamigen Grafenauer Ortsteil. Unscheinbarer ist dagegen der Schlossfriedhof, obwohl hier einige bekannte Persönlichkeiten ihre letzte Ruhe gefunden haben. Auch wenn eine Infotafel am Eingang auf den geschichtsträchtigen Ort verweist, gehen die meisten achtlos vorbei. Dabei lohnt ein genauerer Blick, denn der alte Adelsfriedhof liegt inmitten einer einst prunkvollen Parkanlage im englischen Stil. In dem Lustgarten wurde flaniert, gespielt und auf einer kleinen Insel inmitten eines künstlich angelegten Teichs führte man sogar Theaterstücke und Opern auf. Damit der verwunschene Ort nicht weiter verwildert, setzt sich der Förderverein Schloss Dätzingen für seine Restaurierung ein und freut sich über Besucherinnen und Besucher.
gemeindegrafenau.de Kultort mit Geschichte: Denkendorfer Krypta
Klein-Jerusalem liegt im Landkreis Esslingen. Doch damit nicht genug: In der um 1200 erbauten romanischen Klosterkirche in Denkendorf kann man sogar das Heilige Grab besuchen – zumindest symbolisch. Wer das Tonnengewölbe der Krypta unter der Pelagiuskirche betritt, findet eine rechteckige, mit Steinen umrahmte Öffnung im Boden vor, die für viele Jahrhunderte Anziehungspunkt für zahlreiche Pilger war. Denn das Kloster Denkendorf war ein Stift des Ordens der Chorherren vom Heiligen Grab in Jerusalem, und eine Wallfahrt zum Grab in Denkendorf galt demnach als vollwertiger Ersatz für eine Reise ins Heilige Land. Wo die Chorherren früher Gottesdienste abhielten, herrscht noch heute eine mystische Stimmung. Dazu tragen auch die Fresken und Verzierungen der Kapitelle bei, die vom Kampf zwischen Gut und Böse berichten.
denkendorf.de Verlassenes Freibad: Waldbad Baienfurt
Wo es früher nach Sonnencreme roch und Kinderlachen die Luft erfüllte, wuchert heute Moos und man hört nur noch das Zwitschern der Vögel. Das Waldbad Baienfurt im Kreis Ravensburg ist bereits im 15. Jahrhundert als Heilbad belegt und entwickelte sich in den 1920er-Jahren zum vielbesuchten Spaßbad und Veranstaltungsort. Mit der Stilllegung Mitte der 1970er-Jahre blieben die Gebäude sich selbst überlassen. Das Hauptgebäude brannte in den 1990er-Jahren nieder. Seitdem hat sich die Natur das Gelände zurückerobert. Das Betreten des Areals ist verboten, doch bald könnte sich das ändern, denn es hat sich ein Investor gefunden, der den geschichtsträchtigen Ort mit einem Hotel und einem Gastronomiebetrieb wiederbeleben will. Bis es so weit ist, bleibt die Mediathek: 2025 wurden hier Teile einer Folge der Fernsehserie „Die Toten vom Bodensee“ gedreht.
INFO Viele Lost Places in Baden-Württemberg sind privat oder gesichert. Die Verbote sind unbedingt zu beachten, das Betreten der Lost Places erfolgt stets auf eigene Gefahr.
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